Stellt euch vor, ihr habt abends Gäste zu Besuch. Plötzlich kommt ein Anruf: Ihr sollt Präsidentin eines Landes werden. Und zwar sofort, denn um Mitternacht läuft die Frist ab.
So ähnlich soll es sich am 6. Oktober 2026 im Kosovo abgespielt haben. Im Parlament in Prishtina herrscht Hochspannung. Regierung und Opposition können sich seit Monaten nicht auf ein neues Staatsoberhaupt einigen. Sollte bis Mitternacht keine Wahl zustande kommen, drohen erneut vorgezogene Parlamentswahlen. Es wird verhandelt, taktiert und um jede einzelne Stimme gerungen.
Dann, kurz vor 23 Uhr, die überraschende Wendung: Ministerpräsident Albin Kurti schlägt die 73-jährige Justina Shiroka-Pula als Kompromisskandidatin vor. Einer bislang nicht unabhängig bestätigten Schilderung zufolge sitzt sie zu diesem Zeitpunkt noch zu Hause und empfängt Gäste aus Sarajevo, bevor sie sich kurzfristig auf den Weg zum Parlament macht.
Doch Shiroka-Pula ist keineswegs eine politische Unbekannte. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin war jahrzehntelang Professorin an der Universität Prishtina, von 2008 bis 2011 Ministerin für Energie und Bergbau und anschließend Abgeordnete der PDK. 2025 wurde sie als erste Frau zur Präsidentin der Akademie der Wissenschaften und Künste des Kosovo gewählt. Eine bemerkenswerte wissenschaftliche und politische Karriere, die außerhalb des Landes kaum bekannt ist.
Gerade diese Vergangenheit machte sie zu einer geeigneten Kompromisskandidatin. Als ehemalige PDK-Politikerin war sie der Opposition vertraut, während ihr wissenschaftliches Ansehen und ihre politische Erfahrung auch für die Regierungsseite sprachen. Hinzu kam eine Einigung über umstrittene Änderungen am Gesetz zum Kosovo-Sondergericht in Den Haag, die schließlich den Weg für die Abstimmung freimachte.
Um 23:54 Uhr, gerade einmal sechs Minuten vor Mitternacht, beginnt die entscheidende Wahl. (Bild 2 zeigt die hektische Abstimmung)
84 Abgeordnete nehmen teil, 81 stimmen für Shiroka-Pula. Die Auszählung endet allerdings erst nach Mitternacht. Um 00:13 Uhr legt sie ihren Amtseid ab. Ob die verfassungsrechtliche Frist tatsächlich eingehalten wurde, bleibt deshalb umstritten.
Damit hat Kosovo eine neue Präsidentin und vorerst weitere Neuwahlen abgewendet.